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Rudko Kawczynski und die Roma und Cinti Union müssen den Durchreiseplatz bis Oktober räumen. Foto: Annika Demgen
Rudko Kawczynski und die Roma und Cinti Union müssen den Durchreiseplatz bis Oktober räumen. Foto: Annika Demgen
Durchreiseplatz aufgelöst

Kein Platz mehr für Roma und Sinti

Roma und Sinti sind auf Campingplätzen selten willkommen. Deswegen betreibt der Verein Rom und Cinti Union (RCU) den sogenannten Durchreiseplatz in der Schnackenburgallee. Doch das ist jetzt vorbei. Bis Oktober muss die Union den Platz neben der Autobahn räumen. Ein Bericht über Vertreibung, Hilfsbereitschaft und Rassismus.

Von Annika Demgen

Der „Durchreiseplatz Braun“ ist mittlerweile eine eingezäunte Insel. Lediglich drei Stellplätze für Wohnwagen sind frei. Drumherum ein Meer aus Containern und Zelten. Flüchtlinge sitzen auf Bänken und genießen die ersten Sommertage des Jahres. Kinder spielen auf einem Fußballplatz. Sie alle wissen nicht, dass wegen ihnen andere gehen müssen. Der Durchreiseplatz für Roma und Sinti existiert nur noch auf dem Papier. Geduldet wird er bis Oktober. Das Kulturzentrum, in dem private Feiern und öffentliche Veranstaltungen für Roma und Sinti stattfanden, wird nur noch als Abstellraum benutzt. Der Spielplatz der Anlage verschwindet in hohem Gras.

Dicht an dicht: Die Container der ZEA liegen direkt neben dem Vereinsgebäude. Foto: Annika Demgen

Dicht an dicht: Die Container der ZEA liegen direkt neben dem Vereinsgebäude. Foto: Annika Demgen

Mitten auf der eingezäunten Insel neben ihrem Wohnwagen sitzt Danielle: „So viele Erinnerungen hängen an diesem Ort“, sagt sie. Die junge Frau und ihre Familie sind mit ihren zwei Wohnwagen die letzten Camper, die im Mai auf dem Durchreiseplatz übernachten. Sie stehen hier illegal. Das „Aufstellen einzelner Gespanne“ in der Schnackenburgallee wird lediglich toleriert, wie die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) mitteilt. Danielles Familie übernachtet hier trotzdem: „Wo sollen wir denn sonst hin?“, sagt sie. Roma und Sinti sind auf Campingplätzen selten willkommen. Meistens heißt es: „Wir sind voll.“ Selten: „Unsere Kunden wollen nicht neben Zigeunern stehen.“

Der Durchreiseplatz

In den 1990ern entstand daher der Durchreiseplatz, der zunächst vom Bezirksamt Altona verwaltet wurde. 2000 übernahm die Rom und Cinti Union (RCU) den Betrieb. „Der Bezirk war überfordert“, sagt Rudko Kawczynski, der Vorsitzende ist bereits seit der Gründung der RCU 1982 dabei. Er nennt die Entstehung des Platzes eine „Kapitulation gegenüber dem Anti-Ziganismus in der Gesellschaft“. In Hamburg war der Durchreiseplatz die einzige Anlaufstelle, bei der sich abgewiesene Roma und Sinti sicher sein konnten, hier finden wir einen Platz. Früher jedenfalls. Jetzt ist die Schnackenburgallee ein Ort an dem Vertriebene unwissentlich andere vertreiben.

Kawczynski ist frustriert. Er ärgert sich jedoch nicht über die Flüchtlinge, sondern über den „Vergnügungspark“ um ihn herum. Denn alles, was für die Geflüchteten die notwendige Abwechslung im grauen Containeralltag der Erstaufnahme Schnackenburgallee bringt, steht auf dem Gelände des Durchreiseplatzes. „Die haben uns mit Salami-Taktik, Stück für Stück den ganzen Platz genommen“, sagt er wütend. Die, das sind die BASFI und die Behörde für Inneres und Sport (BIS).

Der neue Fußballplatz sorgt für Abwechslung in der ZEA. Foto: Annika Demgen

Der neue Fußballplatz sorgt für Abwechslung in der ZEA. Foto: Annika Demgen

Im November 2012 trat die Stadt zum ersten Mal an die RCU heran und bat den Verein ein Stück des Geländes abzugeben. Platz wird dringend benötigt, denn die Zahlen der eintreffenden Flüchtlinge steigen jährlich und die bestehenden Unterkünfte sind zu klein. Kawczynski erinnert sich: „Wir haben die Notlage verstanden und wussten, dass die Menschen schnell Hilfe brauchen.“ Auf dem Gelände des Durchreiseplatzes, direkt neben dem Parkplatz Braun, der zum Volksparkstadion gehört, werden nach Zustimmung des Vereins die ersten Container aufgestellt. „Für ein halbes Jahr sollten wir einen Teil unseres Platzes abgeben. In den Wintermonaten, da ist bei uns nicht viel los“, sagt Kawczynski.

Im April 2013 forderte die RCU den Rückbau der Container. Die BIS erbittet sich stattdessen mehr Zeit für die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft und weitere Teile des Durchreiseplatzes. Wieder stimmt der Verein zu. Dass die Zusage bedeutet, dass er und sein Team den Campingplatz ab 2014 gar nicht mehr betreiben können, damit hat Kawczynski nicht gerechnet. Seitdem muss die RCU die Roma und Sinti, die ein paar Sommertage in Hamburg verbringen wollen, bevor sie sich auf den Weg zur nächsten Station machen, abweisen. Der RCU zufolge gab es in Hochzeiten des Campingplatzes jährlich bis zu 1.500 Übernachtungen. Die Gäste des Vereins kommen überall her. Erst kürzlich musste Kawcyznski eine Gruppe irischer Traveller vertrösten. „Die Leute sind sauer auf uns. Die glauben wir haben den Platz verkauft.“

Hilfsbereitschaft

Die Stelle der Geschäftsführung und Projektleitung von Rudko Kawczynski läuft Ende Juni aus. Bis Ende Oktober wird noch ein Hausmeister bezahlt. Spätestens dann muss die RCU den Duchreiseplatz verlassen. Der Verein besitzt dann nur noch ihre Beratungsstelle in der Rellinger Straße. Für die BASFI existiert der Campingplatz für Roma und Sinti seit Dezember 2015 nicht mehr. Warum fiel die Entscheidung darauf, den Platz einer ohnehin benachteiligten Gruppe zu erbitten, anstatt nach anderen Flächen zu suchen? Die Erstaufnahme Schnackenburgallee zu verlegen sei „betriebswirschaftlich nicht sinnvoll“ gewesen, so die Behörde. Pressesprecher Marcel Schweitzer betont, dass die RCU jedes Mal aus freien Stücken ihren Platz zur Verfügung gestellt hat und dieser „Beitrag der RCU zur Bewältigung der Unterbringungssituation Geflüchteter mehrfach ausdrücklich gewürdigt“ worden sei.

Kawczynski bestreitet dies nicht: „Wir wissen, wie es sich anfühlt vertrieben zu sein. Daher war Hilfe für Flüchtlinge immer selbstverständlich für uns. Außerdem haben wir darauf vertraut, dass die Stadt ihr Wort hält und uns Ausweichflächen zur Verfügung stellt.“ Wort gehalten wurde Kawczynskis Meinung nach jedoch nicht. Seit vier Jahren werde sein Verein stattdessen hingehalten. Vordergründig laufe die Kommunikation mit allen beteiligten Stellen freundlich und „politisch korrekt“, unterm Strich passiere jedoch nichts.

Petra Lotzkat, Leiterin des Amts für Arbeit und Integration in der BASFI, steht in engem Austausch mit dem Verein. Sie schätzt die Situation in Stellingen anders ein. Ihre Mitarbeiter würden sich „ein Bein ausreißen“, um einen neuen Standort für den Durchreiseplatz und die zu klein gewordene Beratungsstelle zu finden. Dass noch kein neuer Standort existiere, liege an zwei Dingen: Zum einen stehe erst seit April fest, dass eine dauerhafte Alternative gefunden werden müsse, weil die Innenbehörde die Schnackenburgallee für die Unterbringung von Geflüchteten auf unbestimmte Zeit beansprucht, und zum anderen bekomme der Verein auch mit Unterstützung der Behörde „keinen Vermieter zum Zuschlag“. Sie versteht Kawczynskis Verzweiflung.

Rassismus

Die RCU versucht seit Langem einen neuen Standort für ihre Beratungsstelle in der Rellinger Straße zu finden. Die ist zu klein, für die Menge an Publikum, die auf die Beratung des Vereins angewiesen ist. Bereits um 30 Standorte hat sich die RCU bemüht, mit Schreiben der Behörde im Gepäck. Jedes Mal wurde die Gruppe abgewiesen. Die Art der Absagen reicht von vorgeschobenen formellen Gründen wie „Keine Vereine“, bis hin zu offen rassistischen Äußerungen „Sowas ist hier nicht erwünscht“. Diskriminierung gibt es nur mündlich, sie hinterlässt keine schriftlichen Spuren. Die RCU dokumentiert sie selbst, sammelt die Ablehnung in einem Ordner. „Sobald man Roma und Sinti sagt, hat man ein Problem“, bestätigt Petra Lotzkat. Sie betreut neben der RCU auch Vereine der Sinti in Lurup und Wilhelmsburg und weiß um die Vorurteile, die den Menschen entgegengebracht werden. Nach einem Ort, an dem die Beratungsstelle der RCU und der Durchreiseplatz gemeinsam betrieben werden können, sucht ihr Team nicht. „Zusammen ist das Thema noch größer“, sagt Lotzkat.

Früher war hier kein Zaun: die Absperrung trennt Campingplatz von Zentraler Erstaufnahmen. Foto: Annika Demgen

Früher war hier kein Zaun: die Absperrung trennt Campingplatz von Zentraler Erstaufnahmen. Foto: Annika Demgen

Kawczynski ist von Lotzkats Aufrichtigkeit überzeugt. Er macht sich Sorgen um etwas anders. Er glaubt, dass hinter den Kulissen bereits eine politische Entscheidung gegen den Platz gefallen ist. Das wiederum bestreitet die BASFI. Sozialsenatorin Melanie Leonhard habe „das zuständige Fachamt in Kooperation mit der BIS gebeten, die RCU bei der Platzsuche zu unterstützen“. Bis die RCU den Durchreiseplatz räumen muss, sind es nur noch drei Monate. Und schon jetzt ist das Fehlen des Durchreiseplatzes ein Problem, das zur Kriminalisierung von Roma und Sinti führt, sagt Kawczynski. „Die Familien müssen sich irgendwo anders in die Stadt stellen, nur um dort als illegal diffamiert zu werden. Obwohl man ihnen zuvor den Platz weggenommen hat.“

Für die Beratungsstelle der RCU bahnt sich Ende Juni ein neuer Standort in Wandsbek an: „Der Mietvertrag steht kurz vor der Unterzeichnung“, sagt Petra Lotzkat. Für den Durchreiseplatz ist jedoch nach wie vor keine Lösung in Sicht.

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